#14

Gefühl aus Kindertagen, wenn das Ende des WE am Sonntag zu sehen war
Gefühl aus Kindertagen, wenn das Ende des WE am Sonntag zu sehen war

Sonntag. Hinter mir liegt ein langes Wochenende. Morgen ist Montag. Wie ich mich abends um 20.30 Uhr fühle? Ich könnte heulen. Doch warum? Was bedrückt mich? Ich kann dieses Gefühl, das so alt ist, wie ich denken kann, kaum in Worte fassen. Es fühlt sich an wie Abschiedsschmerz. Wehmut (was ist eigentlich Wehmut?). Das Wochenende ist zu Ende. Meine Gedanken schwingen wie auf einer Schaukel zwischen den letzten Tagen und dem morgigen Wochenanfang. Der Moment wird durch die Vergangenheit und die Zukunft vergiftet. Hier und jetzt hat keinen Wert mehr. Nichts Schönes kann mich gedanklich aufheitern. Es passt, dass ich noch nicht mal Lust habe, mir etwas zu essen zu machen, obwohl ich Hunger habe. Wenn der Hunger größer wird, wird auch mein Leiden größer. Die Strafe für das, was ich alles nicht gemacht habe, was ich mir fürs Wochenende vorgenommen habe. Die Strafe für das, was ich nicht erreicht habe, was ich mir so sehr wünsche. Für das, dass es mir nie gelingt, zufrieden mit etwas zu sein, was keine Ergebnisse hervorgebracht hat. Ein Schwebezustand, der nichts mehr ist als das Wiederkäuen der Ideen und Ansprüche plus dem Mix an Selbstbeschimpfungen, dass ich es viel zu selten schaffe, das zu erreichen, was ich will. 

 

Einer Bekannten, der ich am Telefon gerade versucht habe zu erklären, wie es sich bei mir im Inneren anfühlt, konnte mir nicht folgen. Schön wäre, wenn sie gesagt hätte, oh, das kenne ich gut. Sie hat von den Zeitungsartikeln und Büchern in ihrer Wohnung erzählt, die sich stapeln, weil sie nicht zum Lesen kommt. Doch irgendwie fühlte es sich in diesem Gespräch nicht an, als würden wir von ähnlichen Erfahrungen und Gefühlen sprechen. Während sie noch redet höre ich mich sagen: Wenn ich nicht immer so einen hohen Anspruch an mich selbst hätte, dann wäre ich zufriedener. Kann ich nicht mit dem zufrieden sein, was ich habe und wie es ist? Mein Leben ist doch eigentlich okay, keine Dramen, keine existentiellen Baustellen. Das war nicht immer so, wird wieder anders sein. Plötzlich merke ich es genau: Ich habe mal wieder den Wunsch, mich mit neuen Dingen zu beschäftigen, um meine besonderen Fähigkeiten und Ideen gewinnbringend einzubringen. Statt diesem Gedanken nun ausreichend Raum zu geben, kommen schon die ersten Bedenken: Das geht natürlich nur, wenn ich einen Teil meiner Pflichtaufgaben unerledigt lasse. 

 

Nun sitze ich hier und schreibe und klage über ein Gefühl. Ich könnte weinen. Es drückt auf den Brustkorb, ich spüre die Lustlosigkeit in mir auskriechen, werde müde. Ich bin hungrig und marschiere sehend in den Zustand, wo schon bald nicht mehr viel gehen wird.

 

Meine Gedanken gehen zu meinem Freund und Partner, den ich heute vor den Kopf gestoßen habe, weil ich mich nicht ablenken lassen wollte. Der froh gewesen wäre, wenn ich ihm nur eine Viertelstunde geschenkt hätte. Ich wollte keinen Menschen außerhalb meiner Wohnung sehen, wollte keinen Handlungsdruck und keinen Spiegel, der mir einmal mehr zeigt, dass ich immer mehr will als ich im Stande bin, umzusetzen. Den ganzen Tag gab es keine positiven Impulse oder Aufbruchgefühle. Und nun sitze ich hier alleine und drehe mich im Kreis. Ich weiß, es ist ohne Sinn und Verstand. Ich weiß, ich brauche eigentlich Unterstützung von außen. Jemand muss mir helfen. 

 

Doch soweit bin ich noch nicht. Nun muss ich erst einmal alles verneinen. Meine Themen, meine Arbeit, mein Leben. Will nicht immer etwas beenden, wenn was Neues ansteht. Und doch ist es kaum zu lösen, denn Eltern dazu zu bewegen, über Geld zu sprechen, ist nicht nur ökonomisch betrachtet, ein schwieriges Unterfangen. Nur weil es mir noch nicht gelungen ist, heißt es nicht, dass es geht. Vielleicht geht es, aber nicht so, wie ich es mache. 

 

Dann immer wieder die anderen, die mir gut zureden und sagen, Mensch, das mit dem ADHS ist doch etwas, was Dich treibt, was Du kannst, wo so viel drinsteckt. Das stimmt. Und doch trete ich immer wieder selbst auf die Bremse. Was kann ich denn aus anderen Erfahrungen lernen? Was mitnehmen und wie anfangen? Wie mir Hilfe und Unterstützung suchen und finden? 

 

Ich drehe mich im Kreis und je länger ich es tue, um so weniger selbstbewusst werde ich. Denn ich verliere mit jedem Dreh den Mut und den Glauben, dass ich mich aus dieser Falle selbst befreien kann. Du schaffst es ja doch nicht, warum nur, immer... und ich höre auf an den Gedanken zu arbeiten, wie ich es schaffen könnte. Das scheint ein Muster zu sein. Die Bestätigung, dass es für mich nur den Kreis gibt. Dass ich zwar gerne ausbrechen möchte, um endlich mal die lange Chaussee entlangzulaufen, aber der Wunsch und die Motivation nicht ausreicht, es auch wirklich zu machen. Wer es nur halbherzig versucht, mit seinen Gedanken so an dem Erhalt des Status-quo arbeitet, statt zu überlegen, was konkret zu tun ist, um auszubrechen, der schafft es nicht. Und wenn die vielen Gedanken dann sogar mich selbst ermüden, weil ich mich immer weiter im Kreis drehe, dann kommen die Fantasien von den Bergen und Hügeln, den saftigen Wiesen und langen Autobahnen. Ich drehe im Kreis, träume und habe weder jetzt oder morgen eine Ahnung davon, wie die Schritte zum Ziel aussehen müssten. 

 

Das habe ich vielleicht noch nie so in Worte gefasst, aber das genau ist mein Gefühl. Kaum steht es hier, bewegt sich in mir etwas. Ist die Formulierung und das Schreiben ein Weg, meinem Gedankenkarussel zu entfliehen? Meinem Umsetzungsdefizit in vielen Lebenslagen ein Schnippchen zu schlagen? 

 

Irgendwann habe ich einen Artikel gelesen, dass Menschen mit ADHS besser nachdenken können, wenn sie mit anderen reden. Wenn sie ihre eigene Stimme hören, einen Gegenpart haben, der Impulse setzt, um die Gedankengänge konstruktiv werden zu lassen. 

A. fällt so oft aus. Es gab Zeiten, da funktionierte es. Jetzt ist es so, dass wir es aber nicht hinbekommen. Und warum sollte ich etwas einfordern, was ich selbst bei mir noch nicht einmal umgesetzt bekomme? So vergeht die Zeit und alles bleibt, wie es ist. Ich lenke mich ab mit anderen Baustellen. Freue und ärgere mich über andere Dinge. Und doch beschäftigt mich die Sache mit den beruflichen Aktivitäten schon sehr. Ökonomisch - klar, denn irgendwann wird es nicht mehr reichen, um meinen Lebensstandard, bzw. die Wohnung zu halten. Die Kinder fliegen aus, die Wohnung ist zu groß, der Unterhalt und das Kindergeld sind weg. Da brauche ich mindestens 1000 Euro mehr im Monat. Das muss ich doch schaffen. Und heute den Grundstein dafür legen. 

 

Ich habe mit Susanne gesprochen. Ich werde anfangen mit ihr ein paar Cartoons zu erstellen. Sie will eine Idee zum Anfang. Dann können wir anfangen. Ob es gleich lustig wird oder eher nachdenklich macht – ich weiß es nicht. Aber vielleicht bringt es erst einmal typische ADHS-Erscheinungen zum Vorschein, über die zu sprechen ist. Nachdenklich, ironisch, sarkastisch, böse, lustig, empathisch, absurd. Wäre das ein Anfang?

 

Es ist nicht die Zeit, einen Verein zu gründen. Viel zu viele Kosten. Die braucht es nicht. Ich bin ich und als ADHS-Frau habe ich doch einen fast-Alleinstellungstitel. So viele gibt es da draußen nicht. Doch was brauchen die?

 

Erwachsene? Frauen? Eltern? Gleichaltrige? Junge Menschen? Was kann ich liefern? Was anbieten? Womit einen Anfang machen, damit sich daraus etwas entwickelt? Kein ausgefeiltes Konzept, aber ein solider Anfang? Was könnte es sein?

 

Mir geht es besser, all diese Fragen hier aufzuschreiben. Soll ich das jeden Tag machen? Immer mal wieder ADHS-Gedanken in ein Blog-Format gießen? Was wäre das Ziel (außer Selbsterkenntnis?) Was könnte Leser*innen daran interessieren?

 

Im Blog teile ich neue Erkenntnisse – welche könnten das sein?  

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Kirstin Wulf